Dossier-Aufholjagd-Intro

Die Aufholjagd kann beginnen

Lockerungsmassnahmen ‒ Aufatmen in der Gartenbranche

Besser spät als nie: Ab dem 27. April ist der Offenverkauf von Pflanzen und Blumen wieder erlaubt. 25 000 Mitarbeitenden in 4000 Gärtnereien stehen intensive Wochen bevor.

Dossier-Aufholjagd-Text

Als Gärtnermeister Roman Schwitter vor bald zwanzig Jahren von Kriens auf ein Gelände an der Autobahnausfahrt Gisikon-Root zog, liess er auch Verkaufszonen für Hobbygärtner anlegen. Die Rechnung ging auf: «Der Einzelhandel», so Schwitter, «trug letztes Jahr genauso viel zum Ergebnis bei wie die Belieferung von Gartenbaubetrieben».

Das bundesrätliche Verbot des Offenverkaufs brachte dieses Geschäftsmodell in Schieflage. Seit dem 17. März fehlen die Einnahmen aus dem Hobbybereich. Und das nach langen Monaten, in denen Schwitter ausschliesslich Kosten hatte; namentlich für den Anbau und die Pflege von knapp 700 000 Gartenpflanzen und Bäumen.

Die Belegschaft in Kurzarbeit zu schicken, war keine Option: Denn wenn die Tage länger werden, beginnen in einer Gärtnerei auch die Vorarbeiten für den nächsten Frühling. Beispiel Lavendel: Schwitters Mitarbeiter setzten in den letzten Wochen 40 000 Stecklinge ein.

Existenzbedrohende Liquiditätsklemme

Ganz so schlimm wie die Tulpenproduzenten in den Niederlanden, die ganze Jahresernten verloren, sind die Schweizer Gärtnereien von der Corona-Pandemie nicht betroffen. Trotzdem sprach Carlo Vercelli, der Geschäftsführer des Verbandes JardinSuisse, Ende März von einer «existenzbedrohenden» Lage. Viele Betriebe stecken in der Liquiditätsklemme.

Auch Roman Schwitter sah sich zum Handeln gezwungen: Er blockierte die Vorarbeiten für ein Neubauprojekt und beantragte bei der LUKB einen Soforthilfekredit. Das Darlehen ist ausgezahlt. Seither kann sich der 51-Jährige wieder der Ertragsseite seines Geschäfts widmen.

Dossier-Aufholjagd-Zitat 1

Jetzt geben wir Vollgas.

Roman Schwitter, Gärtnermeister

Dossier-Aufholjagd-Text-Abschnitt-2

Die grosse Erleichterung am 16. April

Die Medienkonferenz des Bundesrates vom 16. April verfolgte er live am Bildschirm. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, dass der Bundesrat die Argumente des Branchenverbandes JardinSuisse nachvollziehen kann. Schwitter informierte umgehend seine Kunden: «Voller Vorfreude - wir haben bald geöffnet!» heisst es auf der Website.

«Jetzt geben wir Vollgas», sagt der Patron. Die Teilzeitmitarbeiter kehren aus dem unfreiwilligen Urlaub zurück und die 60 Vollzeitbeschäftigten werden bis zum Beginn der Sommerferien so arbeiten, wie sie es in den Frühlingsmonaten gewohnt sind: 50 bis 60 Stunden pro Woche.

Dossier-Aufholjagd-Zitat 2

Wir Gärtnereien haben viel Platz, wir können die Distanz- und Hygieneregeln problemlos einhalten.

Roman Schwitter, Gärtnermeister

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Schutzmassnahmen an Kassen und Eingängen

Jede einzelne Staude und Nutzpflanze, jeder Stock und jeder Strauch muss platziert, beschriftet und mit Preisschildern versehen werden. Dazu kommt die Umsetzung der Schutzmassnahmen. An den Eingängen und bei den Kassen werden Abstandsmarkierungen angebracht. «Wir Gärtnereien haben viel Platz», erklärt Schwitter, «wir können die Distanz- und Hygieneregeln problemlos einhalten».

Rund vier Milliarden Franken Bruttowertschöpfung erbringt die Gartenbranche gemäss JardinSuisse. Wie hoch die Shutdown-bedingten Einbussen übers Jahr gerechnet schliesslich sein werden, wagt niemand zu sagen. Sicher ist nur, dass die Branche in den vier Monaten zwischen März und Juni 60 Prozent des Jahresumsatzes erzielt.

Ein Drittel dieser Zeit ist verstrichen. Bei der Gärtnerei Schwitter fehlen per 27. April rund zwei Millionen Franken in der Kasse. Jetzt geht es darum, zumindest einen Teil dieses Geldes wieder hereinzuholen. «Wenn uns das in den nächsten Wochen gelingt», sagt Roman Schwitter, «sind wir mit zwei blauen Augen davongekommen».