Fokus-Anlagepolitik Q1/2021-Intro

Fokus Anlagepolitik Q1/2021

Neustart und Reflationierung sind die Themen 2021

Das Jahr 2020 stellte uns alle vor enorme Herausforderungen. Viele davon sind noch nicht bewältigt. Im kommenden Jahr dürfte aber die Rückkehr zur Normalität beginnen.

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Die baldige Verfügbarkeit von Impfstoffen stellt den entscheidenden Unterschied im Ausblick auf das Jahr 2021 dar.

Björn Eberhardt, Leiter Investment Office

Fokus-Anlagepolitik Q1/2021-Text-zwischen zwei Zitaten

Das hinter uns liegende Jahr ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und hebt sich damit sogar noch einmal von der vorangegangenen Dekade mit ihren vielen ausserordentlichen Ereignissen ab. So brachte die Coronavirus-Pandemie innerhalb erschreckend kurzer Zeit enormes menschliches Leid mit sich. Gleichzeitig wurde dadurch ein Aspekt der Globalisierung Realität, den man lange Zeit vor allem aus Science-Fiction-Filmen kannte – die Verbreitung des Virus selbst in entlegenste Winkel der Erde dank der sehr engen Vernetzung der heutigen Welt durch Handels- und Verkehrsströme.

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten, die wir im Frühjahr 2020 durchlebten, haben sich eingereiht in die Liste der rekordverdächtigen Marktbewegungen: Nie ist der SMI schneller von einem Allzeithoch in einen Bärenmarkt gesunken; nie haben Notenbanker und Finanzminister rascher die Geldschleusen und Portemonnaies geöffnet; nie ist die Wirtschaft schärfer eingebrochen als in diesem Frühjahr.

Wenn wir heute eine – vielleicht noch frühe – erste Bilanz ziehen aus dem, was wir im Jahr 2020 erlebt haben, so kann man wohl sagen, dass die globalen Massnahmen zur Stützung der Weltwirtschaft bisher gut gewirkt haben: Dem Einbruch folgte eine ebenso rasche Erholung von Wirtschaft und Finanzmärkten, und der befürchtete massive Anstieg der Arbeitslosigkeit ist glücklicherweise ausgeblieben. 

Natürlich hatten die Massnahmen ihren Preis: Der Teilstillstand der Wirtschaft und der damit verbundene Einkommensausfall wurden durch einen starken Anstieg der Staatsverschuldung und eine deutlich expansivere Geldpolitik abgefedert. Damit wird ein Teil der Last mit den kommenden Generationen geteilt.

Wäre aber nichts unternommen worden, hätte die Wucht der Rezession mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich mehr Unternehmen die Existenz gekostet, und die Zahl der Arbeitslosen wäre wohl wesentlich höher. Auch wenn damit ein grösserer Teil der Last von den heutigen Generationen getragen worden wäre, so wären die Auswirkungen wohl dennoch für nachfolgende Generationen spürbar geblieben. Wirtschaft ist in der Regel kein Nullsummenspiel.

Viele Länder Europas sowie die USA durchlaufen in diesen Tagen die zweite Welle der Coronavirus-Pandemie. Diese ist in ihrem Ausmass deutlich umfassender als die erste im Frühjahr. Die dadurch nötigen Eindämmungsmassnahmen werden die begonnene konjunkturelle Erholung erneut abbremsen. Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Wirtschaft wieder so einbrechen wird wie im 2. Quartal 2020. Denn die aktuellen Eindämmungsmassnahmen werden zielgerichteter und konjunkturschonender implementiert. Die baldige Verfügbarkeit von COVID-19-Impfstoffen stellt den entscheidenden Unterschied im Ausblick auf das Jahr 2021 dar.

Fragen und Antworten zum Jahr 2021

Damit stellt sich uns die Frage, welche Themen im kommenden Jahr in den Fokus rücken werden. Ich habe einige Fragen ausgewählt, die mir besonders relevant erscheinen, und sie mit Experten aus unserem Asset Management diskutiert. Hier sind meine Fragen und die Antworten hinsichtlich des Jahres 2021:

Wie verändert die kommende Verfügbarkeit eines Impfstoffs gegen das Coronavirus den Ausblick für 2021?

Aus unserer Sicht ist dies ein ganz klarer «Game Changer». Natürlich besteht noch einiges an Unsicherheit bezüglich der Impfstoff-Logistik. Dennoch stehen die Chancen gut, dass wir heute in einem Jahr unser Leben wieder weitgehend frei von den derzeitigen Restriktionen leben können. Damit sind die Vorzeichen für eine kräftige konjunkturelle Erholung sehr gut. Gleichzeitig hat der strukturelle Wandel zum Beispiel in Richtung Digitalisierung einen enormen Schub erfahren. Diese Veränderungen werden natürlich nicht zurückgestellt, sondern werden uns weiter begleiten. Dabei sind wir sogar optimistisch, was die Auswirkungen auf die Produktivität insgesamt anbelangt. Das ist auch deswegen wichtig, da wir derzeit eine Phase enormen demografischen Wandels durchlaufen.

Das zu Ende gehende Jahr sieht soweit nach einem respektablen Jahr für Anleger aus. Was können wir für das kommende Jahr erwarten?

Das Jahr 2021 wird aus unserer Sicht ein Jahr des Neustarts und der Reflationierung werden. Damit meinen wir, dass die sich abzeichnende Verfügbarkeit eines Impfstoffs im Jahr 2021 vielen Branchen erlauben wird, ihre Kapazitäten wieder hochzufahren. Dadurch erwarten wir sehr kräftiges Wachstum, steigende Rohstoffpreise und eine Normalisierung der derzeit sehr niedrigen Inflation, was alles in allem mittelfristig für steigende Renditen spricht. Vor diesem Hintergrund raten wir Anlegern, Staatsanleihen der Industrieländer in einem gemischten Portfolio tiefer zu gewichten. Chancen bieten sich dagegen vor allem in Aktien, Immobilien, inflationsgeschützten Anleihen, Rohstoffen und Edelmetallen. Bei Aktien dürften die besonders unter den Coronavirus-Einschränkungen leidenden Sektoren über Aufholpotenzial verfügen.

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Wer die Kaufkraft des Vermögens erhalten oder vergrössern will, muss ein gewisses Risiko in Kauf nehmen. Am besten tut man dies über intelligent diversifizierte Portfolios.

Björn Eberhardt, Leiter Investment Office

Fokus-Anlagepolitik Q1/2021-Text-nach Zitat 2

Viele Anleger sind verunsichert, ob die Renditeaussichten der Finanzmärkte angesichts hoher Aktienbewertungen und Negativzinsen das Risiko rechtfertigen?

Diese Verunsicherung ist verständlich. Klar ist, dass die tiefe oder sogar negative Verzinsung es unattraktiv macht, das Ersparte einfach auf dem Konto zu belassen bzw. in Anleihen zu investieren. Da wir im nächsten Jahr auch in der Schweiz wieder mit einer positiven Inflationsrate rechnen, würde das Ersparte auf diese Weise mit der Zeit an Kaufkraft verlieren. Wer die Kaufkraft des Vermögens erhalten oder vergrössern will, muss ein gewisses Risiko in Kauf nehmen. Am besten tut man dies über intelligent diversifizierte Portfolios. Diese bieten unserer Meinung nach auch im gegenwärtigen Umfeld Renditeaussichten, die die nötigen Risiken dafür rechtfertigen.

Wird die stark gestiegene Staatsverschuldung im Jahr 2021 zu einer Schuldenkrise führen?

Davon gehen wir nicht aus. Sicher ist die Staatsverschuldung in den vergangenen Monaten von bereits sehr hohen Niveaus noch einmal weiter angestiegen. Aber bei den aktuellen Zinsniveaus und angesichts der Unterstützung durch die Zentralbanken stellen sich in vielen Ländern noch keine Bedenken ein hinsichtlich der Tragbarkeit. Wenn Wachstum und Inflation wie erwartet zurückkehren, verbessert das die Tragbarkeit zudem. Dennoch ist es wichtig, dass die Staatshaushalte möglichst rasch wieder auf einen nachhaltigen Pfad zurückgeführt werden. Bei Ländern mit einer eigenständigen Geldpolitik ist es dabei häufig die Währung, die deutlicher unter nicht nachhaltigen Staatsfinanzen leidet als die Staatsanleihen selbst, da die Zentralbank grundsätzlich jederzeit die Anleihen der eigenen Regierung mit neu geschaffenem Geld erwerben kann.

Die Geldpolitik ist global sehr locker geworden. Sind daher Sorgen vor einem starken Anstieg der Inflation berechtigt?

Aus unserer Sicht ebenfalls nein. Die Inflation wird im kommenden Jahr sehr wahrscheinlich ansteigen, aber das hat vor allem mit der Stabilisierung des Ölpreises zu tun, daneben auch mit der erwarteten Konjunkturerholung. Ein nachhaltiger Anstieg der Inflation setzt aber eine Preissetzungsmacht der Unternehmen voraus, die derzeit in der Breite noch nicht erkennbar ist. In diesem Zusammenhang ist das Verweisen auf die sogenannte Vermögenspreisinflation nicht zielführend: Inflation stiehlt uns Kaufkraft, steigende Vermögenswerte erhöhen sie. Das Problem steigender Vermögenswerte verschärft dagegen Verteilungsprobleme, u.a. zwischen den Generationen, aber natürlich auch innerhalb derselben.

Die Geopolitik wird massgeblich vom Aufstieg Chinas geprägt. Was bedeutet das neue asiatische Handelsabkommen für Weltwirtschaft und Finanzmärkte?

Der neue asiatisch-pazifische Handelspakt RCEP ist ein wichtiger Schritt der wirtschaftlichen Integration in Asien. Viele wichtige Punkte wie zum Beispiel die Schaffung einheitlicher Produktstandards sind zwar noch weitgehend aussen vor geblieben. Dennoch ist es das erste Freihandelsabkommen, das China, Südkorea und Japan umfasst. Auf bilateraler Ebene wären solche Abkommen aufgrund historischer Animositäten kaum denkbar gewesen. Klar ist aber auch, dass China die dominante Nation innerhalb von RCEP ist. Damit dürfte es künftig bei der Schaffung von Produktstandards in Asien eine grössere Rolle spielen, ohne dass die USA oder die EU direkte Mitsprachemöglichkeiten haben. Für die Weltwirtschaft dürften mehr Stabilität, höheres Wachstum und disinflationäre Effekte aus dem Abbau von Handelsbarrieren und der damit verbundenen Kostenreduktion resultieren.

Welche langfristigen Trends erachten Sie als besonders interessant für Anleger?

Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit, in der viele fundamentale Transformationsprozesse zeitgleich ablaufen und miteinander interagieren. So erleben wir rasche technologische Fortschritte, gleichzeitig stellen sich enorme Herausforderungen. Das Thema Klimawandel ist zum Beispiel wohl die grösste globale Herausforderung für die Menschheit, an der kein Weg vorbeiführt. Entsprechend werden sich Unternehmen und auch der Finanzsektor noch viel mehr als bisher dieser Thematik annehmen müssen. Aus Anlegerperspektive gibt es viele Industriezweige, die von diesem Wandel profitieren – etliche bereits seit Jahren, wie beispielsweise die Bereiche der E-Mobilität oder der sauberen Energieerzeugung. Andere Herausforderungen ergeben sich aus dem demografischen Wandel und der steigenden Lebenserwartung. Auch hier gibt es Interaktionen, zum Beispiel mit dem Trend zur Digitalisierung oder den Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz, die bereits in der Biotechnologie rege genutzt werden. Zu den breiten Anwendungsbeispielen zählen u.a. die Diagnostik oder die Entwicklung neuer Medikamente, wo sich zum Teil revolutionäre Veränderungen ergeben könnten.