Pläne-Wohntraum-Immobiliensuche-Wohnraum als Visitenkarte-Intro

Wohnraum als persönliche Visitenkarte

Was es braucht, damit wir uns in den eigenen vier Wänden wohlfühlen

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Antonia Jann weiss, was es braucht, damit wir uns in den eigenen vier Wänden wohlfühlen. Die Wohnpsychologin verrät, was unser Zuhause über uns aussagt und warum man in der eigenen Wohnung nicht überall Büroarbeiten verrichten sollte.

Zur Person
Dr. Antonia Jann (57) ist Expertin für Wohnpsychologie und Geschäftsführerin der Age-Stiftung. Diese fördert Wohn- und Betreuungsangebote fürs Älterwerden in der deutschsprachigen Schweiz mit finanziellen Beiträgen. 

Pläne-Wohntraum-Immobiliensuche-Wohnraum als Visitenkarte-Interview Teil 1

Antonia Jann, in Ihrem Büro hängt ein Bild vom grossen, weiten Meer. Warum gerade dieses Motiv?

Ich liebe die Natur. Und das nicht nur draussen im Freien, sondern auch hier drinnen, im Büro. Mein Blick schweift oft rüber auf das weite Meer. Das Foto strahlt eine besondere Ruhe aus und hilft mir, mich zu fokussieren. 

Aus wohnpsychologischer Sicht also ein ideales Accessoire?

So könnte man es auch sagen. Es ist kein Zufall, dass häufig auch in Spitälern oder anderen Gesundheitsinstitutionen Naturbilder hängen. Diese erhöhen erwiesenermassen den Wohlfühlfaktor eines Raumes. 

Was braucht es sonst noch, damit wir uns zuhause wohlfühlen?

Die eigenen vier Wände bieten Schutz, Wärme, Privatheit – und die Möglichkeit zum persönlichen Austausch mit der Familie und Freunden. Und weil wir immer wieder Gäste empfangen, ist die Wohnung eine Art Visitenkarte der eigenen Persönlichkeit. 

Oder sogar der Spiegel der Seele? 

So weit würde ich nicht gehen. Aber natürlich: Aus jeder Wohnung lassen sich gewisse Rückschlüsse auf den Charakter der Bewohnerinnen und Bewohner ziehen. Wir erkennen rasch, ob jemand Wert auf Ästhetik legt oder ob die Person eher pragmatisch veranlagt ist. Man merkt auch, ob eine Wohnung als stimmiges Ganzes funktioniert oder ob die Einrichtung eher zufällig ist.

Worauf sollte man beim Einrichten einer Wohnung besonders achten?

Wichtig dünkt mich, dass man in der Wohnung verschiedene Bereiche für verschiedene Tätigkeiten hat. Das Sofa oder der Lesesessel sollten an einem ruhigen Ort stehen, also nicht dort, wo quasi Durchgangsverkehr herrscht wie zum Beispiel in der Nähe des Eingangs. Es empfiehlt sich, genügend Stauraum zu schaffen, damit Dinge aus dem Sichtfeld entfernt werden können, was mehr Ruhe in die Räume bringt. Eine interessante Gestaltungsmöglichkeit sind Textilien wie Sofakissen, Bettwäsche, Teppiche und Vorhänge.

Was, wenn meine Wohnung nicht gross genug ist, um verschiedene Zonen zu schaffen?

Es braucht nicht für jede Zone ein eigenes Zimmer. Und es gibt dazu auch keine Standardrezepte. Wenn zwei Menschen ähnliche Gestaltungsvorstellungen haben, werden sie bestimmt Ideen für Rückzugsoasen entwickeln. 

Und wenn die Meinungen bezüglich Wohnungseinrichtung auseinandergehen?

Wenn es Nutzungskonflikte gibt, muss man aushandeln, wie für jeden kleine Bereiche geschaffen werden können. Bei fehlender räumlicher Distanz können Kopfhörer zu einer akustischen Abgrenzung beitragen. Darüber hinaus gibt es weitere Tricks, wie man die Atmosphäre einer Wohnung beeinflussen kann. Zum Beispiel kann man mit Lampen arbeiten, die verschiedene Farben und dadurch unterschiedliche Stimmungen erzeugen.

Pläne-Wohntraum-Immobiliensuche-Wohnraum als Visitenkarte-Zitat 1

Antonia Jann, Wohnpsychologin

Wenn wir ausmisten, werfen wir Ballast ab und schaffen Platz für Neues – das tut gut.

Pläne-Wohntraum-Immobiliensuche-Wohnraum als Visitenkarte-Interview Teil 2

Was ist wichtiger: die Architektur einer Wohnung oder die Einrichtung?

Die Architektur spielt eine zentrale Rolle. Die Art, wie ein Haus oder eine Wohnung konzipiert ist, kann einem die Einrichtung erleichtern oder erschweren. Eine Herausforderung ist, wenn grundlegende Schutzfunktionen nicht gegeben sind, weil Lärm, Licht oder fremde Blicke den Rückzug stören.

Viele Menschen nehmen heute die Arbeit nach Hause. Ein Problem?

Man kann die Arbeit nach Hause nehmen, aber man sollte auch hier klare Bereiche dafür schaffen. Man sollte auf keinen Fall die ganze Wohnung dauerhaft in ein Büro umfunktionieren. Erfüllt die Wohnung die zentralen Bedürfnisse nach Ruhe, Sicherheit, Aktivität und Regeneration über einen längeren Zeitraum nicht, kann uns das krank machen.

Wie viel Platz sollte man den Kleinsten einräumen?

Nur weil Kinder da sind, bedeutet das nicht, dass die ganze Wohnung zum Spielplatz werden muss. Leider vergessen viele, dass auch die Erwachsenen Oasen der Ruhe brauchen. Das kann ein Sessel im Schlafzimmer oder ein Schreibtisch im Arbeitszimmer sein. Wichtig ist, dass dieser Ort von allen Bewohnenden respektiert wird. Gleichzeitig muss man die Kinder aber auch nicht konsequent ins Kinderzimmer abschieben. Hier gilt es, die richtigen Kompromisse zu finden. 

Klingt einfach, ist es für viele Familien aber wahrscheinlich nicht. 

Das Thema sollte möglichst aktiv innerhalb der Familie angesprochen werden. Dabei sollte man auch die Kinder in die Diskussion miteinbeziehen und Lösungen aushandeln, die für alle stimmen. Als meine beiden Töchter noch klein waren, haben wir manchmal einen Teil der Wohnung mit einem Volleyballnetz abgetrennt. Auf der Kinderseite haben wir alle gefährlichen Sachen weggeräumt, so konnten sie auch mal ohne Aufsicht spielen. 

Es gibt immer wieder neue Wohn- und Einrichtungstrends. Aktuell ist das Ausmisten im Stil von Marie Kondo gross im Rennen. Wie erklären Sie diesen Hype aus psychologischer Sicht?

Wir leben heute in einer Welt des Überflusses. Wir sind rund um die Uhr erreichbar und werden ständig mit Informationen überflutet. Diese Entwicklung führt zu einem Bedürfnis nach Reduktion und Einfachheit. Wer ab und zu seinen Kleiderschrank räumt, der weiss, wie befreiend dieses Gefühl sein kann. Wenn wir ausmisten, befassen wir uns mit der Frage, was wichtig ist und was nicht. Wir werfen Ballast ab und schaffen Platz für Neues – das tut gut. 

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Antonia Jann, Wohnpsychologin

Wir brauchen kontaktfördernde Architektur, die den niederschwelligen Austausch unter den Nachbarn begünstigt.

Pläne-Wohntraum-Immobiliensuche-Wohnraum als Visitenkarte-Interview Teil 3

Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person ist seit den 1970er-Jahren stetig gestiegen. Bedeutet mehr Platz immer auch mehr Komfort? 

Nicht unbedingt. Wir haben heute mehr Platz, weil wir uns mehr leisten können. Zu einem Problem kann der Platz werden, wenn man merkt, wie viel Aufwand es braucht, diesen zu unterhalten. Es erstaunt mich deshalb nicht, dass heute vermehrt der Trend hin zur Reduktion des Wohnraums feststellbar ist. Kleinere Wohneinheiten bringen aber wieder neue Herausforderungen mit sich. 

Nämlich?

Je kleiner die Fläche, desto schwieriger wird es, sämtliche Bedürfnisse abzudecken. Während der Wunsch nach Privatheit auch in kleinen Wohnungen erfüllt werden kann, lässt sich das Bedürfnis nach Aktivität nur mässig erfüllen. Dasselbe gilt für den Austausch mit anderen Leuten, zum Beispiel bei einem gemeinsamen Abendessen. Deshalb braucht es alternative Begegnungszonen. 

Zum Beispiel? 

Ich denke an halbprivate oder halböffentliche Flächen, die den eigenen Wohnraum erweitern. Dafür braucht es eine kontaktfördernde Architektur, die den niederschwelligen Austausch unter den Nachbarn begünstigt. Wie das funktionieren kann, zeigt sich beispielsweise an der Siedlung «Im Dorf» in Schenkon. Die Architektur alleine reicht jedoch nicht; die Menschen müssen auch lernen, sich die zur Verfügung gestellten Räume anzueignen. 

Wie lässt sich das erreichen?

Es hilft, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner eine gemeinsame Aufgabe haben. So werden solche Wohnprojekte oftmals selber verwaltet. Darüber hinaus können Nachbarschaftskontakte auch durch den Miteinbezug von Fachleuten aus dem Bereich Soziokultur ganz gezielt gefördert werden. Die Siedlung Himmelrich in Luzern ist ein Beispiel hierfür.

Weshalb treffen wir die Nachbarn heute nicht mehr auf natürliche Weise?

Früher begegnete man sich im Dorfladen, beim Brunnen, vor der Kirche, auf der Strasse. Heute kennt man sich kaum noch. Viele Menschen leben in einer Wohnung, die mit einem Lift direkt mit der Tiefgarage verbunden ist. Diese Entwicklung ist schlecht für unsere Gesellschaft – und es braucht entsprechende Gegenmassnahmen. Aufgrund der demographischen Entwicklung unserer Gesellschaft wird das Bedürfnis, sich in halböffentlichen Räumen zu begegnen und auszutauschen, in Zukunft noch weiter zunehmen.

Wie meinen Sie das?

Je älter die Menschen, desto wichtiger wird die Barrierefreiheit im und rund ums Haus. Soziale Begegnungen gewinnen genauso an Bedeutung wie zum Beispiel die Nähe zum öffentlichen Verkehr oder anderen Dienstleistern. Vorbildlich sind Projekte wie «Vicino» in Luzern (Anmerkung: wir berichteten in der letzten Ausgabe), die spannende Möglichkeitsräume für soziale Begegnungen schaffen. Sie sehen also: Das Wohnumfeld ist ebenso wichtig wie die passende Einrichtung der eigenen vier Wände. 

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