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Das 1. Quartal konfrontierte die Finanzmärkte gleich mit zwei sehr unterschiedlichen Formen von Disruption: einer technologischen und einer geopolitischen. Wir zeigen, was Anlegende beachten sollten.
Der Jahresauftakt 2026 schien für die Finanzmärkte zunächst sehr gelungen. Der Schweizer Aktienindex SMI kletterte beharrlich und schloss bis Ende Februar ganze 19 Mal auf neuen Allzeithochs. Erst der Ausbruch des Irankriegs brachte diese gute Entwicklung zu einem vorläufigen Ende. Auf der anderen Seite des Atlantiks kam der Rekordlauf der US-Aktienmärkte schon etwas früher ins Stocken. Auch wenn der Gesamtindex sich seitwärts bewegte, fanden unter der Oberfläche bedeutende Veränderungen statt. Diese standen eng im Zusammenhang mit dem Thema künstliche Intelligenz und den Sorgen, dass die rasanten Fortschritte in diesem Bereich viele Unternehmen überflüssig machen oder zumindest ihre Gewinne deutlich belasten könnten.
Aus einer langfristigen Perspektive erscheinen sowohl der Ausbruch des Irankriegs als auch der derzeit so schnell und teilweise beunruhigend verlaufende technologische Fortschritt als zwei weitere aus einer langen Liste von Beispielen für Disruption, d. h. der Ablösung bestehender Strukturen durch neue – in politischer, wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht. Das erlaubt, die historische Erfahrung auf Anhaltspunkte zu prüfen, welche Auswirkungen die jüngsten Entwicklungen haben könnten und wie man aus Investorenperspektive damit umgehen sollte.
Kriegerische Auseinandersetzungen, die an den globalen Finanzmärkten spürbare Auswirkungen haben, involvieren üblicherweise wichtige Volkswirtschaften, betreffen die Rohstoffversorgung oder andere kritische Lieferketten. Dadurch können sie signifikanten Einfluss auf den Gang der globalen Konjunktur nehmen. Für die Aktienmärkte im Speziellen ist dabei relevant, wie sich der Krieg und seine Folgen u.a. auf die Unternehmensgewinne auswirken. Die Unsicherheit über den Gewinnausblick steigt dabei üblicherweise dramatisch an.
Aus diesem Grund führt der Ausbruch eines grösseren Krieges, welcher Nachfrage, Lieferketten und Produktionsfaktoren berührt, zu einem grossen Anstieg der Volatilität an den Finanzmärkten, wie wir es auch derzeit beobachten. Historisch zeigte sich dabei häufig ein ähnliches Muster: Nach einer ersten Schockphase stabilisierten sich die Märkte relativ rasch, sobald die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts besser abschätzbar wurden. Das setzte aber voraus, dass sich die Auswirkungen des Krieges als weniger dramatisch erwiesen, als im ersten Schockmoment befürchtet wurde. In der Regel war das der Fall, im Vorhinein weiss man es aber nie mit Sicherheit.
Aus diesem Grund empfiehlt sich für Anlegende zunächst eine abwartende Haltung bei Ausbruch eines Krieges, gerade wenn sie über gut diversifizierte Portfolios verfügen. In vielen historischen Episoden entstand ein grosser Teil der Kursverluste bereits in der ersten Phase des Schocks, wenn Unsicherheit und Risikoaversion sprunghaft ansteigen. Der Markt preist dabei sehr schnell ein durchschnittlich erwartetes Szenario ein – und Anlegende müssen entscheiden, für wie wahrscheinlich sie dieses halten und wie ihr Portfolio im Vergleich dazu aussieht. In Phasen hoher Unsicherheit ist das keine leichte Aufgabe. Eine gut diversifizierte Anlagestrategie kann hier als wertvolle Stütze dienen, von der man auch in Krisenzeiten nicht in zu extremem Mass abweichen sollte.
Auch in Krisenzeiten sind Unternehmen von Kriegen und Lieferketten-Schocks keinesfalls gleichermassen betroffen. Je weniger Absatzmärkte, Produktionsstätten und Zulieferer vom Krieg beeinflusst werden, desto geringer sind die direkten Auswirkungen. Mit anderen Worten: Eine breite und durchdachte Diversifikation über Sektoren und Regionen bereits vor einer Krise kann helfen, die Verwerfungen innerhalb des Aktienteils aufgrund eines Kriegsausbruchs zu reduzieren.
Grundsätzlich empfiehlt es sich zudem, Rohstoffe von vornherein in der Anlagestrategie zu berücksichtigen. In geopolitischen Schocksituationen steigen deren Preise oft unmittelbar an und können damit Verluste bei anderen Anlageklassen wie Aktien abfedern. Das Gleiche gilt in der Regel auch für die Aktienkurse von Rohstoffproduzenten. Emotional kann das eine bedeutende Stütze darstellen, die Investierende von kostspieligen Fehlentscheidungen wie z.B. Panikverkäufen abhalten kann.
Ein Einstieg nach dem Schockereignis ist dagegen meist problematischer, da die Kurse bereits gestiegen sind und die Marktvolatilität hoch ist. Hier empfiehlt es sich, ruhigere Marktphasen für den Aufbau von Positionen zu nutzen. Ein weiteres Element, um Portfolios spezifisch gegen Inflationsrisiken abzusichern, ist der Einsatz inflationsgeschützter Staatsanleihen.
Neben geopolitischen Konflikten gehört auch technologischer Fortschritt zu den Kräften, die wirtschaftliche Strukturen immer wieder grundlegend verändern. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die rasante Entwicklung von KI-Agenten, die Anfang Februar die Aktien einiger Softwareunternehmen stark unter Druck setzte. Denn agentenbasierte Systeme sind zunehmend in der Lage, komplexe Prozesse selbstständig zu planen, verschiedene Tools zu nutzen und mehrstufige Aufgaben zu erledigen. In vielen wissensbasierten Tätigkeiten – von Softwareentwicklung über Recherche bis hin zur Analyse von Finanz- oder Rechtsdaten – könnten solche Agenten künftig einen Teil der Arbeit übernehmen.
Die Softwareindustrie wird exemplarisch für tiefgreifende Veränderungen angeführt. Wenn KI-Systeme in der Lage sind, Code zu generieren oder Anwendungen automatisch miteinander zu verbinden, könnten Teile des heutigen Softwaregeschäfts stärker standardisiert werden. Entwicklungszyklen würden kürzer und kleinere Teams könnten Produkte entwickeln, für die früher deutlich mehr Ressourcen nötig waren. Das kann es erlauben, schneller und kostengünstiger bessere Produkte zur Verfügung zu stellen. Für einige Anbieter von Standardsoftware könnte dies zu stärkerem Wettbewerb und sinkenden Margen führen.
Gleichzeitig entstehen auch neue Chancen: Unternehmen, die KI-Agenten entwickeln oder die Infrastruktur dafür bereitstellen, könnten zu den grossen Gewinnern gehören. Zudem eröffnet die Technologie neue Möglichkeiten für spezialisierte Anwendungen, etwa in der Medizin, der Industrie oder im Finanzsektor. In solchen Bereichen bleibt tiefes Domänenwissen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Auch andere wissensbasierte Branchen könnten von dieser Entwicklung betroffen sein. Tätigkeiten wie Recherche, Datenanalyse oder die Erstellung standardisierter Berichte lassen sich zunehmend automatisieren. Für Beratungsunternehmen, Research-Abteilungen oder Teile der Finanzindustrie könnte dies die Kostenstrukturen verändern – ähnlich wie frühere technologische Umbrüche die Produktivität in der Industrie erhöht haben.
Für Anleger ergibt sich daraus ein vertrautes Bild. Technologische Revolutionen schaffen langfristig neue Märkte und steigern häufig die Produktivität, führen aber in der Übergangsphase zu erheblicher Unsicherheit. Heute ist noch nicht klar, welche Geschäftsmodelle besonders profitieren werden und welche unter Druck geraten. Die Geschichte früherer Technologiezyklen – von der Elektrifizierung über das Internet bis zur Cloud – zeigt, dass die Gewinner oft erst im Verlauf der Entwicklung sichtbar werden.
Für Anlageportfolios bedeutet dies vor allem eines: Vorsicht vor allzu einfachen Schlussfolgerungen. Es ist verlockend, in einer frühen Phase einer neuen Technologie gezielt auf vermeintliche Gewinner zu setzen. Ebenso gross ist jedoch das Risiko, dass sich Erwartungen als übertrieben erweisen oder sich die Marktstruktur anders entwickelt als angenommen. Eine breite Diversifikation über verschiedene Branchen und Geschäftsmodelle bleibt daher ein wichtiger Ansatz, um von möglichen Produktivitätsgewinnen zu profitieren, ohne zu stark von einzelnen Technologien oder Unternehmen abhängig zu sein.
Technologische Disruption ist damit kein einmaliges Ereignis, sondern ein wiederkehrender Bestandteil wirtschaftlicher Entwicklung. Für Investoren besteht die Herausforderung weniger darin, jede einzelne Innovation vorherzusagen, sondern darin, Portfolios so zu strukturieren, dass sie auch in Phasen tiefgreifender Veränderung robust bleiben. Dazu gehört aus unserer Sicht auch, Bereiche zu identifizieren, die durch den Einsatz von KI-Agenten nicht bedroht sind (die sogenannten HALO-Aktien, von «heavy assets, low obsolescence»). Das sind Unternehmen mit vielen physischen Vermögenswerten, die durch KI kaum bedroht sind. Dazu zählen u.a. Versorger und Energieunternehmen.
Sowohl Kriege als auch technologischer Fortschritt bringen regelmässig Disruption mit sich, die von den Finanzmärkten verarbeitet werden muss. Beiden gemein ist, dass die ersten Marktreaktionen von starker Volatilität in den besonders exponierten Vermögenswerten geprägt sein können. Auch wenn ein Basisszenario wichtig ist, treten die grössten – und meist auch kostspieligsten – Marktbewegungen meist dann auf, wenn sich Erwartungen überraschend auflösen. Für Anlegende ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Disruption lässt sich selten präzise prognostizieren – weder geopolitische noch technologische. Entscheidend ist daher weniger, jedes Ereignis korrekt vorherzusagen, sondern Portfolios so zu strukturieren, dass sie auch unerwartete Veränderungen verkraften können. Eine breite Diversifikation über und innerhalb von Anlageklassen bleibt dafür das wichtigste Instrument.