Dezentrale Stromerzeugung, die Energiewende und ein wachsender Strombedarf benötigen intelligente Stromnetze. Das damit einhergehende Wachstum ist gross und die Investitionsmöglichkeiten sind vielseitig.
Geopolitische Unsicherheiten, Hitzewellen, anhaltende Trockenheit, verheerende Waldbrände und das aktuell wieder vorherrschende Klimaphänomen El Niño führen deutlich vor Augen, warum erneuerbare Energien gefördert und die Nutzung fossiler Energieträger reduziert werden sollte – und dass die Energiewende kein Wunschkonzert ist. Zudem hat die Hitze in den letzten Monaten auch den Strombedarf zur Klimatisierung von Häusern erhöht und teilweise auch die Kühlung von Atomkraftwerken erschwert, womit diese zwischenzeitlich weniger Strom produzieren konnten.
Bereits der grossflächige Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel im vergangenen Jahr zeigte, wie wichtig ein stabiles, rasch steuerbares und widerstandsfähiges Energiesystem ist. Die europäischen Stromnetze sind eng miteinander verbunden. Störungen können deshalb über Landesgrenzen hinweg rasch Auswirkungen haben – der Blackout in Spanien war auch im deutschen Netz zu spüren. Versorgungssicherheit hängt nicht allein von ausreichender Erzeugungskapazität ab, sondern ebenso von der Fähigkeit, Angebot und Nachfrage jederzeit auszubalancieren, kritische Situationen frühzeitig zu erkennen und auf Ausfälle gezielt zu reagieren. Die jüngsten Angriffe auf Netzwerkinfrastruktur in Deutschland bringen zudem eine sicherheitspolitische Komponente in die Diskussion, die ebenfalls zur Versorgungssicherheit zählt.
Bisher haben konventionelle Kraftwerke für Netzstabilität gesorgt. Dieser Anteil nimmt jedoch zusehends ab, sodass eine genauere Regelung der Netzwerke mit Echtzeitdaten erforderlich ist. Die Energiewende erhöht diese Anforderungen zusätzlich. Strom wird zunehmend dezentral aus Wind- und Solaranlagen erzeugt, während der Strombedarf durch Elektromobilität, Wärmepumpen, Industrieprozesse und Datenzentren rasant wächst.
Ein hinreichendes und widerstandsfähiges Stromsystem kann Störungen möglichst vermeiden, ihre Folgen begrenzen und sich nach einem Ereignis rasch wieder stabilisieren. Dies gewinnt vor dem Hintergrund zunehmender Extremwetterrisiken und einer wachsenden Abhängigkeit von Elektrizität an Bedeutung. Fällt Strom aus, sind nicht nur Haushalte betroffen. Auch Telekommunikation, Verkehr, Gesundheitsversorgung, Logistik, Zahlungsverkehr sowie industrielle Produktion können beeinträchtigt werden.
Resilienz erfordert deshalb mehrere Ebenen. Dazu gehören robuste physische Netze, ausreichend dimensionierte Übertragungs- und Verteilkapazitäten, dezentrale Erzeugung, Speicher und Reservekapazitäten. Ebenso wichtig sind digitale Systeme, welche den Zustand des Netzes laufend überwachen und bei Abweichungen reagieren können. Moderne Schutz- und Leittechnik kann einzelne Netzabschnitte im Störungsfall gezielt abtrennen, bevor sich ein lokales Problem ausweitet. Die Energiewende braucht somit nicht nur mehr Strom, sondern auch intelligentere und widerstandsfähigere Stromnetze.
Intelligente Stromnetze, auch Smart Grids genannt, werden damit zu einem zentralen Faktor. Sie ergänzen das traditionelle Stromnetz um eine Art Informationsnetz. Dabei verbinden sie physische Infrastruktur mit digitaler Steuerung, schaffen Flexibilität und helfen, die Energieversorgung auch unter wechselhaften Wetter- und Nachfragebedingungen robust zu gestalten.
Intelligente Stromzähler, sogenannte Smart Meter, Sensoren, Kommunikationssysteme und ausgeklügelte Software erfassen Daten zu Produktion, Verbrauch, Netzfrequenz, Spannung und Auslastung in Echtzeit. Diese Informationen ermöglichen es, den Stromfluss zu optimieren, effizienter zu steuern, Stromspitzen sofort auszugleichen und die vorhandene Infrastruktur besser auszulasten.
Der Nutzen zeigt sich besonders bei erneuerbaren Energien. Wind- und Solaranlagen erzeugen Strom nicht zwingend dann, wenn die Nachfrage am höchsten ist. An sonnigen oder windreichen Tagen kann lokal mehr Energie eingespeist werden, als das Netz unmittelbar aufnehmen kann oder Verbraucher nutzen können. Bei geringer Sonneneinstrahlung und wenig Wind steht dagegen weniger erneuerbare Erzeugung zur Verfügung. Smart Grids koordinieren deshalb zahlreiche dezentrale Akteure und schaffen die Grundlage, flexible Erzeugung, Speicherung und Verbrauch miteinander zu verbinden.
Über intelligente Ladesysteme können beispielsweise Elektrofahrzeuge bevorzugt dann laden, wenn viel erneuerbarer Strom vorhanden ist oder die Netzauslastung gering bleibt. Batteriespeicher können Überschüsse aufnehmen und bei Engpässen wieder abgeben. Auch Wärmepumpen, Kühlanlagen oder industrielle Verbraucher lassen sich innerhalb bestimmter Grenzen zeitlich flexibel steuern. Dieses Lastmanagement hilft, teure Lastspitzen zu reduzieren, die Netzstabilität zu verbessern und den Ausbaubedarf punktuell zu begrenzen.
Die Digitalisierung ersetzt den physischen Netzausbau nicht. Erzeugung und Verbrauch liegen oft weit auseinander: Windenergie wird beispielsweise vermehrt an Küsten oder in den Bergen erzeugt, grosse industrielle Verbrauchszentren befinden sich jedoch häufig in anderen Regionen. Zusätzliche Übertragungsleitungen, Umspannwerke und Verteilnetze bleiben deshalb unverzichtbar. Gleichzeitig sind viele bestehende Netze auf eine zentral organisierte Stromversorgung mit wenigen grossen Kraftwerken ausgelegt, sind veraltet und müssen modernisiert werden.
Der Wert intelligenter Technologien liegt darin, den Ausbau gezielter und effizienter zu gestalten. Echtzeitdaten zeigen, wo Kapazitäten fehlen, wo sich Lasten verschieben lassen und welche Anlagen flexibel reagieren können. Automatisierte Netzführung, vorausschauende Wartung und digitale Schutzsysteme können die Verfügbarkeit bestehender Infrastruktur erhöhen. Dadurch werden Investitionen nicht überflüssig, aber besser planbar. Für Netzbetreiber wird die Kombination aus neuer Hardware, digitalen Steuerungslösungen und Cybersecurity zu einer zentralen Aufgabe. Denn gerade dort, wo Datenströme fliessen, besteht auch die Gefahr, dass Informationen manipuliert oder von Unbefugten gesteuert werden könnten.
Der Smart-Grid-Trend betrifft weit mehr als einzelne Stromzähler oder Softwareprogramme. Er schafft Nachfrage entlang einer breiten industriellen und technologischen Wertschöpfungskette. Davon können unterschiedliche Unternehmenszweige profitieren, wie beispielsweise Hersteller von intelligenten Stromzählern, Sensoren, Schaltanlagen und Kabeln, aber auch Anbieter von Automatisierungs-, Schutz- und Leittechnik, die Netzstörungen erkennt und einen stabilen Betrieb ermöglicht.
Zusätzlich dürften Unternehmen aus den Bereichen Batteriespeicher und Steuerungssysteme sowie Anbieter von Energiemanagementlösungen positive Auswirkungen erfahren. Auch Spezialisten für Cybersecurity und sichere Kommunikation werden gefragt sein, denn die zunehmende Vernetzung erhöht auch die Anforderungen an den Datenschutz. Kontinuierlicher technologischer Fortschritt beim Internet der Dinge (IoT), der künstlichen Intelligenz, bei Cloud Computing und 5G ermöglicht die dafür notwendigen Smart-Grid-Lösungen. Der Ersatz und Ausbau von Stromleitungen führt überdies auch zu einer starken Nachfrage nach Kupfer und anderen Basismetallen.
All diese Bereiche werden von grossem Wachstum profitieren. Precedence Research schätzt, dass der globale Smart-Grid-Markt 2025 rund USD 52.6 Mrd. betrug, und erwartet bis 2035 einen Anstieg auf nahezu USD 250 Mrd. Dies entspräche einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 16%. Der starke Ausbau von Anwendungen der künstlichen Intelligenz und der Aufbau von riesigen Rechenzentren tragen ebenfalls zum Stromverbrauch und zu diesem enormen Wachstum bei.
Die strukturellen Treiber für Smart Grids sind langfristig der Ausbau erneuerbarer Energien, die stärkere Elektrifizierung von Mobilität und Wärme, neue industrielle Anwendungen sowie der wachsende Strombedarf aus künstlicher Intelligenz. Hinzu kommen die Notwendigkeit, alternde Netze zu erneuern, sowie der politische Anspruch, Versorgungssicherheit und Klimaziele gleichzeitig zu erreichen. Smart Grids verbinden diese Ziele, indem sie Erzeugung, Speicher und Verbrauch effizienter zusammenführen.
Der Umbau ist jedoch kapitalintensiv und komplex. Die Netzinfrastruktur unterliegt Regulierung, Genehmigungsverfahren und langen Planungszyklen. Investitionen können sich verzögern, technische Standards sich verändern, während die wirtschaftlichen Erträge von den regulatorischen Rahmenbedingungen abhängen.
Grossflächige Blackouts zeigen, wie wichtig ein widerstandsfähiges Stromnetz ist. Denn die Energiewende und neue Anwendungen der künstlichen Intelligenz verändern das Stromsystem grundlegend: Immer mehr dezentrale und wetterabhängige Erzeugung trifft auf einen wachsenden Verbrauch. Smart Grids sind eine wesentliche Voraussetzung für diesen Umbau. Sie machen Netze transparenter, anpassungsfähiger und effizienter und stärken die Fähigkeit, auf Störungen zu reagieren. Der daraus entstehende Investitionsbedarf reicht von klassischer Netztechnik über Speicher und Automatisierung bis zu Software, Datenanalyse und Cybersecurity. Gerade diese breite Wertschöpfungskette macht das Thema für langfristig orientierte Anleger interessant.