KI als Markttreiber: Chancen und Risiken

Künstliche Intelligenz hat sich zu einer der wichtigsten Stützen der Finanzmärkte entwickelt. Trotz grosser Chancen bleiben die Risiken hoch, weshalb eine breite Diversifikation weiterhin entscheidend ist.

Obwohl eine dauerhafte Lösung des Irankonflikts trotz der Unterzeichnung des Memorandums noch aussteht und die Inflation in vielen Regionen wieder angezogen hat, erreichten die Aktienmärkte im 2. Quartal neue Allzeithochs. Dies ist nicht zuletzt der guten Entwicklung von KI-Aktien, allen voran denen von Halbleiterherstellern zu verdanken. Der PHLX Semiconductor Sector Index, der die 30 grössten in den USA gehandelten Halbleiterunternehmen umfasst, legte seit Jahresbeginn um mehr als 80% zu. Doch nicht nur in den USA entwickelten sich die Chipproduzenten erfreulich. So stieg beispielsweise der technologielastige südkoreanische Aktienindex KOSPI seit Jahresbeginn dank der Schwergewichte Samsung und SK Hynix um über 100%. Für viele Marktteilnehmende stellt sich daher aktuell die Frage, ob KI weiter ein zentrales Thema an den Finanzmärkten bleiben bzw. wer alles von diesem Trend profitieren wird.

KI als zentrales Thema der Finanzmärkte

Was mit der Begeisterung der Massen für ChatGPT im November 2022 begann, wird zu einem immer wichtigeren Thema für die Wirtschaft und Kapitalmärkte. Der US-Chiphersteller Nvidia gilt zwar noch immer als der Inbegriff einer KI-Aktie, aber das Blickfeld der Anlegenden hat sich nicht nur im Halbleitersektor erheblich erweitert. Sehr viele Sektoren sind bereits durch KI beeinflusst, und der breite Einsatz von KI im Unternehmensumfeld dürfte die Welt noch einmal stark verändern.

Halbleiter bleiben Basis des KI-Booms

Ausgangspunkt und Basis für den KI-Boom bleiben Halbleiter. Da für die Entwicklung neuer oder verbesserter KIs (Training) und deren Betrieb (Inferenz) enorme Rechenkapazitäten nötig sind, wächst der Umsatz rasant. Nach Einschätzung der Chipproduzenten wird trotz steigender Produktionskapazität die Nachfrage das Angebot weiterhin deutlich übersteigen. Auffallend ist, dass sich das Augenmerk innerhalb des Halbleiterbereiches stark in Richtung Speicher verschoben hat. Der Nachfrageüberhang und die beschränkten Kapazitäten haben die Speicherpreise und damit auch die Gewinne massiv hochschnellen lassen (die Vertragspreise für DRAM-Speicher haben sich z.B. mehr als verdreifacht). Neben den eigentlichen Computern gewinnen auch angrenzende Funktionen zunehmend an Bedeutung. Die optische Vernetzung sowohl innerhalb von Servern als auch zwischen Servern und Rechenzentren ist mehr in den Fokus gerückt. Ähnliches gilt für Halbleiter, die den Energieverbrauch senken können. Auch Kühlung bleibt ein Thema. Wenig überraschend schlägt die Nachfrage nach KI-Chips auch auf die Hersteller von Maschinen zur Chipproduktion durch. Ausserdem profitieren Industrieunternehmen, die Zulieferer für Halbleiterausrüster sind, eine starke Expertise im Bereich Elektrifizierung haben oder in der Kühlung aktiv sind.

Rechenzentren treiben die Nachfrage 

Auf der Nachfrageseite stehen Betreiber von Rechenzentren, allen voran die sogenannten Hyperscaler (Technologieunternehmen, die weltweit riesige Cloud- und Rechenzentrumsinfrastrukturen betreiben und ihre IT-Dienstleistungen in sehr grossem Massstab anbieten, wie etwa Amazon Web Services, Microsoft oder Google). Sie weiten ihre Kapazitäten immer stärker aus und heben ihre Investitionen massiv an. So dürften die Hyperscaler Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta 2026 fast 650 Mrd. US-Dollar in den Ausbau ihrer KI- und Cloud- Infrastruktur investieren, was dem gesamten BIP von Ländern wie Singapur oder Argentinien entspricht. Zum einen tätigen sie diese massiven Ausgaben für die eigenen Zwecke, beispielsweise um mit Hilfe von KI den Umsatz zu steigern oder Kosten zu senken. Vor allem die Internetriesen können zum Teil schon nachweisen, dass sich die enormen Ausgaben rechnen. Zum anderen stellen die Hyperscaler ihren Kunden schlicht Rechenleistung zur Verfügung. Dieser Bereich hat im letzten Quartal eine scharfe Wachstumsbeschleunigung erlebt (z.B. zog das Wachstum der Cloud-Umsätze bei Google auf über 60% an). Genau wie im Halbleiterbereich übersteigt die Nachfrage nach Rechenleistung das Angebot – und die Hyperscaler geraten regelmässig in Engpässe beim Kapazitätsausbau. Aktuell aber mindern die hohen Investitionen ihre Cashflows und wirken bremsend auf das Gewinnwachstum.

Marc Häfliger, Investment Stratege
«KI bleibt ein zentrales Thema für die Wirtschaft und Kapitalmärkte.»
Marc Häfliger, Investment Stratege

KI-Spezialisten: Monetarisierung entscheidend

Neben «normalen» Cloud-Anwendern finden sich hier auch die ausgemachten KI-Spezialisten wie OpenAI (Mutterkonzern von ChatGPT) oder Anthropic (Betreiber des KI-Chatbots Claude). Sie benötigen für ihre Modelle enorme Rechenkapazitäten, die entsprechend hohe Kosten verursachen. Keines dieser Unternehmen dürfte derzeit auch nur annähernd profitabel sein. Entsprechend hoch sind die Risiken. Dieses Ökosystem steht und fällt mit der Fähigkeit der KI-Unternehmen, ihre Produkte zu monetarisieren. Im einfachsten Fall geschieht das über Abos von Privatpersonen. Entscheidend wird jedoch der sinnvolle Einsatz im Unternehmensumfeld sein. Sinnvoll bedeutet für Unternehmen, dass Produkte oder Dienstleistungen besser werden oder kostengünstiger bereitgestellt werden können. KI-Agenten, die automatisch Aufgaben fehlerfrei erledigen, könnten ein weiterer Wachstumsvektor sein. Der erfolgreiche Einsatz im Unternehmensumfeld müsste sich im Zahlenwerk der Konzerne in einer besseren Produktivität (z.B. Umsatz pro Mitarbeiter) und/oder höheren Profitabilität niederschlagen.

Börsengänge im Fokus

Eine interessante Dynamik dürfte sich durch die Börsengänge einiger ausgemachter KI-Spezialisten entwickeln (darunter OpenAI und Anthropic). Damit kann in einen neuen Typ von Software-Aktien direkt investiert werden. Durch eine voraussichtlich schnelle Aufnahme in relevante Indizes beginnt ihre Kursentwicklung eine sehr viel direktere Auswirkung auf Märkte zu bekommen. Obgleich die finanziellen Details derzeit noch sehr limitiert sind, kann sicher davon ausgegangen werden, dass jeweils sehr hohe Beträge im Spiel sein werden. Dennoch wird der Markt diese vermutlich absorbieren können. Eine gute Nagelprobe war die Ankündigung einer Kapitalerhöhung von Alphabet über USD 80 Mrd., die quasi spurlos an der Aktie vorbeiging.

KI als zweischneidiges Schwert für Software

Etwas speziell ist in dieser Gemengelage die Rolle von Software. Die Entwickler von KI-Werkzeugen sind zweifelsohne Softwarehersteller. Sie profitieren klar von dem wachsenden Einsatz von KI. Für traditionelle Software und IT-Services ist die Verbreitung von KI ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite erlaubt KI, schneller verbesserte Softwarelösungen anzubieten und/ oder Kosten zu sparen. Auf der anderen Seite könnten bestimmte Aufgaben durch eine spezialisierte KI ersetzt werden. Das kann zu Preisdruck führen, was bereits beim IT-Service-Sektor spürbar ist. Je tiefer eine Software in einem Unternehmen und dessen Prozessen verankert ist, desto unwahrscheinlicher wird eine Verdrängung durch KI. Bemerkenswert ist, dass sich ausgerechnet der CEO des KI-Chipspezialisten Nvidia für den Software-Sektor starkgemacht hat.

Gemischtes Bild für Energieversorger

Obwohl die wachsende Anzahl an Rechenzentren immer grössere Mengen an Energie verbrauchen wird, spielen sie für den Energiesektor eine eher untergeordnete Rolle. Abgesehen von den Verhandlungen über ein prominentes Projekt treten die Öl-Multis kaum in Erscheinung. Ein Grund dafür dürfte sein, dass Gas nur einer der möglichen Energieträger für die Erzeugung von Strom ist. Vor allem in den USA werden u.a. auch Kapazitätsreserven von Atomkraftwerken, die Reaktivierung alter Meiler sowie erneuerbare Energien eingesetzt. Auch bei den Versorgern halten sich die positiven Auswirkungen in Grenzen. Nach anfänglichen Erfolgen, neue Stromabnahmeverträge abzuschliessen, kam dieser Trend etwas ins Stocken. Zunehmende Klarheit auf der regulatorischen Seite könnte vielleicht helfen. Intakt ist bei den regulierten Versorgern der Ausbau von Stromnetzen, aber das ist eher durch die Elektrifizierung und die grössere Rolle erneuerbarer Energien getrieben. Rechenzentren weichen zum Teil auf ihre eigene Stromerzeugung aus oder bauen direkt neben einem Kraftwerk, was die Betreiber von Stromnetzen aussen vor lässt.

Marc Häfliger, Investment Stratege
«Es ergeben sich Chancen entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette.»
Marc Häfliger, Investment Stratege

Chancen ausserhalb von KI

Obwohl das Thema KI aus unserer Sicht weiter ein wichtiger Treiber für die Finanzmärkte bleiben wird, gibt es auch Opportunitäten ausserhalb dieses Trends. Der Schweizer Aktienmarkt weist beispielsweise eine geringe Technologie- bzw. KI-Exponierung auf, überzeugt dafür aber durch stabile Geschäftsmodelle, realistische Gewinnerwartungen sowie eine attraktive Dividendenrendite. Zusätzlich kann die Beimischung anderer Anlageklassen die Stabilität eines Portfolios erhöhen. Rohstoffe haben insbesondere in Phasen erhöhter geopolitischer Unsicherheit ihren Mehrwert gezeigt, da sie in Schocksituationen oft unmittelbar an Wert gewinnen und dadurch Verluste in anderen Anlageklassen teilweise abfedern können. Dies gilt auch für Aktien von Rohstoffproduzenten. Festverzinsliche Anlagen wiederum profitieren typischerweise von einer Wachstumsabschwächung und können in schwächeren Marktphasen stabilisierend wirken. Ergänzend bieten inflationsgeschützte Staatsanleihen eine Möglichkeit, Portfolios gezielt gegen Inflationsrisiken abzusichern. Insgesamt trägt eine solche breite Allokation dazu bei, Risiken zu reduzieren und die Robustheit des Portfolios zu erhöhen.

Fazit
Künstliche Intelligenz bleibt ein zentraler Wachstumstreiber an den Finanzmärkten und beeinflusst zunehmend zahlreiche Branchen. Besonders Halbleiterhersteller, Rechenzentrumsbetreiber und ausgewählte Softwareunternehmen profitieren aktuell von der hohen Nachfrage nach KI-Anwendungen. Gleichzeitig hängt die Nachhaltigkeit des Booms davon ab, ob KI-Unternehmen ihre Geschäftsmodelle erfolgreich monetarisieren und produktive Anwendungsfälle im Unternehmensumfeld schaffen können. Während sich Chancen entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette ergeben, bestehen insbesondere bei jungen KI-Spezialisten weiterhin erhebliche Risiken. Auch Energieversorger und andere indirekt beteiligte Branchen profitieren bislang nur begrenzt von der Entwicklung. Mit möglichen Börsengängen grosser KI-Unternehmen dürfte das Thema künftig noch stärker an den Kapitalmärkten präsent sein. Dennoch sollten Investierende nicht ausschliesslich auf KI setzen, sondern durch eine breite Diversifikation über verschiedene Branchen und Anlageklassen Risiken reduzieren und die Stabilität ihres Portfolios erhöhen.

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